• Christoph Tschaar

Verstärker wird Lautsprecher

Aktualisiert: 16. Juni

Ulm 2017. Kunsthalle Weishaupt. Ausstellung Gerold Miller ganz vorne 1. OG. 7 Meter 70 hoher polierter Edelstahl. Was für eine Skulptur - Verstärker 1! Ganz fasziniert erzählte mir damals die Museumswärterin, dass zur Aufstellung das Dach geöffnet werden musste. Per Kran schwebte der riesige Winkel an seinen Platz.


Schiltach 2022. Die Verstärker spielen jetzt Musik. Die Neuinterpretation ist gelungen:



In Verbindung mit den kürzlich gebauten Standlautsprechern aus Buchenholz kam mir diese Skulptur wieder in den Sinn und ließ mich nicht los. Eine Idee jagte die Andere; da könnte man Lautsprecher einsetzen, da könnte man sogar einen Verstärker integrieren, das Innenvolumen erzeugte zwar stehende Wellen, aber auch das bekommt man in den Grifft. Erst mal ein Modell bauen im Maßstab 1:10.



Im Hintergrund ist schon ein 18 cm Chassis zu sehen, das eventuell zum Einsatz kommen könnte.

Es geht los, die Suche nach Material beginnt. Und tatsächlich liegen da noch genau zwei 3 Meter lange 60er Ahorn-Bohlen. Um ein Gefühl für die Maße zu bekommen, habe ich das Brett aufgestellt. Ganz klar, die Idee gehört umgesetzt.

Abrichten, Aufschneiden und zum akklimatisieren in Form zwingen.



Wie die Form genau aussehen wird ist noch offen, groß wird's auf jeden Fall. Millers Verstärker wird Tschaars Lautsprecher.

Der "Aufschnitt" trocknet noch immer. Während dessen kreisen die Gedanken um die Anordnung der drei Schenkel. Gerne hätte ich noch einen Verstärker mit in den Lautsprecher integriert. Quasi ein Aktivlautsprecher nur mit einem normalen Verstärker, den man auch sehen soll. Vom Stil her würde was von Naim sehr gut passen.

Gleichzeitig muss ich später noch mit vertretbarem Aufwand Helmholzresonatoren gegen die stehenden Wellen integrieren. Und eins zu eins das Design von Herrn Miller klauen, will ich auch nicht. Jetzt habe ich mir noch mal im Maßstab 1:10 Ahorn-Hölzchen gefertigt. Damit werde ich noch eine Weile spielen bis das finale Layout steht.



Aus den vielen dünnen Leisten ist mittlerweile ein großes Brett geworden, welches wieder in passende Abschnitte für Front und Rückseite zersägt wurde. Anschließend wieder abrichten, hobeln und Fräsen.

Hier sei mal erwähnt, dass man sich mit Ahornholz kein Splitter einzieht, zumindest habe ich es bis jetzt nicht geschafft. Lärche ist da von einem ganz anderen Kaliber. Aber scharfkantig ist dieses schöne helle Holz . So arbeitet sich die Fräse ins Holz und das Holz in die Haut.



Fehlen nur noch die Bretter für die kurzen Winkelseiten und natürlich noch die Seitenteile für alle Röhren. Leider hat das Ahornholz auf der Länge von fast drei Metern teils ordentliche Spannungen. Somit kann ich nicht jedes Brett verwenden und der Holzrestehaufen wächst. Ob es jetzt an dem Kammer-getrockneten Holz liegt, kann ich nicht sagen. Zumindest war das über unzählige Jahre alte Ahornholz des ehemaligen Orgelbauers wesentlich ruhiger und gefügiger. Aber dass Ahorn nicht gleich Ahorn ist wird mir später noch mal begegnen.

Doch zuerst möchte ich mal schauen, ob die Verbindung mit der Nut hinter der Frontseite was taugt. In Sachen Winkligkeit tut sie das, aber leider sind immer wieder kleine Spalte in der Leimfuge zu sehen. Bei den 1,4 Meter langen Stücken für die kürzeren Winkel musste ich mich schon sehr beeilen um alle Zwingen rechtzeitig anzubringen. Da werde ich bei den doppelt so langen Säulen Seite für Seite verleimen müssen.



Was mir gar nicht gefällt, sind die Farbunterschiede. Etwas naiv bin ich davon ausgegangen, dass das neue Ahorn genau so attraktiv und hell erscheint wie die alten Hölzer, aber die Seitenteile heben sich deutlich von den Fronten ab. So sieht das wenig wertig aus - Unzufriedenheit macht sich breit.



Es bleibt spannend. Die Teile werde ich erstmal für den Lautsprecher verwenden. Wenn es mich nach zwei Wochen immer noch stört, mache ich sie neu. Überhaupt eine sehr weise Vorgehensweise. Einfach mal schauen ob es einem in 14 Tagen immer noch stört - das egalisiert vieles.


Die langen Winkel sind in der Mache. Seite für Seite und mit einer ordentlichen Portion Zwingen gehts voran.



Danach abrichten, ablängen und alles auf möglichst einheitliche Maße bringen. Aber auch hier steckt der Teufel wieder in den Dimensionen. Trotz aller Aufschneiderei sind in den langen Brettern immer noch Spannungen, die für ein leichtes Verwinden der 2 Meter 80 langen Röhren gesorgt haben. Es ist nicht viel, ca. ein bis zwei Millimeter, allerdings führt dies zu reichlich physischer Arbeit auf der Abrichte.

Die noch offenen Röhren habe ich tatsächlich schon in diesem Stadium des Aufbaus einseitig verschlossen. Ganz einfach weil das Finishen der Oberfläche so am besten möglich ist. In stiller Hoffnung, dass ich später alles an Innereien auch in die Lautsprecher hinein bekommen werde, habe ich mir aus einem Restbrett "Hirnholzstöpsel" gebaut. Aus optischen Gründen passendes Hirnholz - versteht sich.



Diese werden exakt eingepasst und eingeleimt.

Bis jetzt hat das ganze Projekt noch nicht viel mit Lautsprechern zu tun. Damit aus einer Skulptur auch ein Schallwandler werden kann, müssen Chassis rein. Nach guten zwei Monaten sind diese nun endlich angekommen. Mittels Fräszirkel geht's an die Aussparungen. Hier macht sich das Hartholz bezahlt. Kein Ausfransen oder Ausreißen und kein Eindrücken der Späne unter der Frässchablone in die Holzoberfläche.



Die Säulen sind auf ein Minimum an Tiefe bemaßt, was das Einfräsen bei den Tieftönernern vereiteln würde, wenn man nicht auf der Rückseite ein wenig Platz für den Magneten mittels Forstnerbohrer schaffen würde.


Zwischenzeitlich ein kleiner Abstecher ins Museum. Wie durch Zufall stand er da. In Nürnberg, im Staatlichen Museum für Kunst und Design - ein Verstärker von Gerold Miller. Das hat mich natürlich gefreut und gleichzeitig auch neugierig gemacht, wie denn im Original die Verbindungen herstellt wurden. Bei Holz sind schließ die einzelnen Schenkel aufgrund der Maserung immer auszumachen. Aber auch beim polierten Metall gibts eine "Nahtstelle".



Weiter geht es mit der Verbindung der Schenkel. Je zwei Holzfresserschrauben greifen in die zuvor eingeleimten Holzklötzchen der kürzeren Schenkel. Das hält fest genug und ist schnell montiert. In die Unterseite des langen Schenkels habe ich eine Nut gefräst, um die Säulen später mittels Deckel reversibel zu verschließen.



Nachdem geklärt war, was Vorder- und Rückseiten sind, bzw. oben und unten werden sollte, habe ich die Säulen montiert und siehe da: hier und da sind noch ein paar Zehntelmillimeter zu viel. Leider selten symmetrisch. So habe ich mittels Papierstreifen auf der Abrichte eine minimale Schräge anghobelt, damit es am Ende wirklich 100%ig passt.



Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Oberfläche. Ein kurzer gedanklicher Ausflug hierzu:

In meiner Tätigkeit in der Galvanotechnik sind mir hochpräzise Oberflächen bekannt, bzw. muss ich oft mit den Dingen kämpfen, die eine hochglänzende Oberfläche von einer glänzenden unterscheiden. Ganz gravierend ist der Unterschied bei Lacken. Ein polierter Klavierlack ist um Welten glänzender als die Orangenhaut heutzutage produzierter Automobile.

Bezogen auf Holz heißt das: Die Schlagkerben des maschinellen Hobelns haben noch nichts mit einer qualitativen Holzoberfläche zu tun. Das Abtragen der Kerben durch schleifen führt selbst bei feinster Körnung zu einer diffusen Rauheit. Einzig das Abziehen mittels Ziehklinge oder das händische Hobeln machen Holz wirklich glatt und erzeugen dieses besondere Spiegeln. Hobeln per Hand hat sich durch die gegenläufige Maserung des Ahorns ausgeschlossen.

Folglich wurden alle Flächen wie beim Geigenbau mit einer Ziehklinge bearbeitet und im Anschluss nur einmal gewachst, um eine möglichst natürliche Oberfläche zu gewährleisten, jedoch ohne die Affinität zu Wasser und Schmutz, die unbehandeltes Holz natürlicherweise hat.


Zurück zur Lautsprechertechnik. Im Inneren der langen Säulen werden sich im Betrieb stehende Wellen bilden, ähnlich wie bei den Orgelpfeifen, die hier in dieser Werkstatt damals gebaut wurden. Da der Lautsprecher allerdings bei allen Frequenzen gleich laut spielen soll, müssen die Resonanzen akustisch eliminiert werden.



Dies geschieht mit Helmholtz-Resonatoren, welche ich in die Schenkel integriert habe. Ein Schenkel kümmert sich um die Mode bei ca. 60 Hertz und der andere um die eine Oktave drüber. Bis ich die optimalen Querschnitte und Längen der Kanäle gefunden hatte, war ein wenig Rechenarbeit notwenig.

Ein Blick ins innere der langen Säule zeigt, dass ich mit dem Design von einer Orgelpfeife nicht weit entfernt bin. Die Leiste am Ende dient zur Einbringung des Dämm- und Dämpfungsmaterials.



Die kurzen Schenkel werden stärker bedämpft, schließlich soll hier den ungewollten Frequenzen die Energie entzogen werden.

Füße aus selbstklebendem Filz sorgen dafür, dass beim Verschieben nichts verkratzt. Jetzt es geht an den Zusammenbau.



Die Frequenzweiche sitz auf dem Abschlussbrettchen und ragt in die große Säule hinein. Gleichzeitig sind die beiden kurzen Schenkel akustisch über die berechneten Bassreflexöffnungen mit dem Hauptgehäuse, dem langen Schenkel, verbunden. Alles ist möglichst reversibel verbunden und verkabelt.

Auf ein Anschlussterminal habe ich zunächst aus optischen Gründen verzichtet. Das Kabel kommt direkt aus dem Lautsprecher und geht zum Verstärker.


Beim Einbau der Chassis habe ich kurz an mir gezweifelt, weil die dänischen Tieftöner plötzlich nicht mehr passen wollten. Sollte sich in so kurzer Zeit das Holz verzogen haben, sodass die Ausfräsungen mit nur zwei Zehntelmillimetern Spiel zu genau angefertigt worden waren?

Tatsächlich waren drei Chassis 0,8 mm größer als das eine, welches ich als Vorlage benutzt hatte.



Also kurz ärgern und dann einen Einsatz zur Zentrierung für die Frässchablone bauen, damit ich mit dem Fräszirkel die Aussparungen ausweiten kann. Jetzt passt es. Die gefinishten Oberflächen haben mir die Nacharbeit verziehen - Hartholz sei Dank.


Das Anbringen einer Bassreflexöffnung ist normalerweise kein Thema. Bei einem Innenmaß von 60 auf 180 Millimetern bekomme ich aber schlicht und ergreifend die Länge des Bassreflexkanals nicht vernünftig realisiert. Die Idee war eine Verringerung der Länge durch eine Reduzierung des Querschnitts mittels eines "Stopfens".



Ebenfalls aus Ahorn gedrechselt und mit passender Maserung wird der Holzzylinder mittig in die Bassreflexöffnung gesetzt, sodass rundrum noch 10 mm Luft bleiben um das Schwingen der Luftsäule zu ermöglichen.

Zusammengebaut siehts so aus. Viel wichtiger als die Erscheinung war mir in dem Moment allerdings erstmal der Klang.



Was auf den Bildern nicht zu sehen ist: die endlich fertigen und funktionstüchtigen Lautsprecher spielen sich ein. Es ist also sehr laut und nach einem Spaziergang habe ich einen Frequenzsweep durchgehört. Tatsächlich ist alles korrekt und trotz des exotischen Gehäuses klingen die Teile richtig vernünftig. Es ist nichts von irgendwelchen Brumm- oder Drönfrequenzen zu hören. Bedingt durch die starke Bedämpfung am Ende der Schenkel und der eigentlich zu kleinen Bassreflexöffnung ist der Bass etwas zurückhaltend.



Letztlich ein kleines klangliches Opfer an das Design. Allerdings ist es ja auch mehr Skulptur UND Lautsprecher und für klassische Musik funktioniert es richtig gut..